menu

Mitte Juni 2020

Die Grenzen zwischen Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz gehen wieder auf. Ich bin Anfang Juni nach Berlin gereist. Mit Maske im Gesicht und Arbeitsbestätigung. Der ICE war nur halb voll und pünktlich! In Berlin habe ich in einem der tollsten Neubauten gewohnt: das LOBE-Terrassenhaus (https://www.lobe.berlin) von Arno Brandlhuber (www.brandlhuber.com), realisiert vom Münchner Architekturbüro Muck Petzet (http://www.muck-petzet.com) im Quartier Gesundbrunnen.

LOBE Brandlhuber.com. Foto: www.anneliwest.de

Das mehrstöckige Haus ist über gestufte Terrassen zu besteigen und ist auf der Seite zur Strasse hin ebenfalls terrassiert, vorkragend über dem Vorplatz des hauseigenen. Der Innenausbau der Ateliers ist meist in rohem Beton gehalten. Der Künstler Hannes Brunner (www.hannesbrunner.com), bei dem ich Gast war – herzlichen Dank Hannes ! – hat noch zwei Wände aus Schichtholz eingebaut und auf seinem Terrassenabschnitt am Boden eine Installation mit Spiegeln und Grünpflanzen gebaut. Ich habe es sehr genossen, durch das halbleere Berlin zu stromern. In den KW ist mir Hassan Sharif (1951-2016, Dubai) in seinen eindringlichen Installationen aus Abfall und Alltagsmaterial begegnet (https://www.kw-berlin.de/hassan-sharif/).

Mit der Tram bin ich in die Galerie Parterre an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Pankow gefahren und habe dort einen geköhlerten Baum von Ulrike Mohr (https://ulrikemohr.de) entdeckt. Die Künstlerin, aufgewachsen im Schwarzwald, köhlert für ihre Kunstwerke, Bäume, Sträucher, aber auch Alltagsmaterial aus Holz wie Messlineale, Kochlöffel, Holzschmuck. Das Köhlern ist ein alte menschliche Kulturtechnik für das Schmieden von Eisen und Edelmetallen sowie die Glasherstellung. Der thermochemische Prozess im Holz, der unter Abwesenheit von Sauerstoff bei Temperaturen von circa 300° Celsius von statten geht, ist keine Verbrennung, sondern ein chemischer Prozess, aus dem neben 30 % Holzkohle Teer und flüchtige Pryrolyseprodukte entstehen. Das Schwarz des Kunstwerks schillert in verschiedenen Farben, von Tiefschwarz über Dunkelgrau, Violet, Grün, Blau bis zu Ocker und Hellgrau. Es muss faszinierend sein, der Künstlerin beim Erarbeiten – Köhlern ! – ihrer Werke für Ausstellungen zuzuschauen!In der Schweiz beginnt das Kunstleben wieder. Schreiben, Führungen, Gespräche mit Kunstschaffenden stehen auf dem Alltagsplan. Und bald eine Wanderung am Stadtbach Bern entlang.

Ulrike Mohr,  Installation Time in a Tree 2020, Foto GR Berlin © Ulrike Mohr VB Bildkunst

*

Mitte Mai 2020

Das Home office lockert sich. Kürzlich hatte ich zum ersten Mal wieder einen kleinen Ausflug gemacht und bin in die Kartause Ittingen nach Warth TG gereist. Die Künstlerkartause hatte einen Gast, den Walliser Künstler Vincent Fournier. Er lebte den Covid19-lock down in seinem kleinen Häuschen, malte und hat ein Kunstwerk in den angrenzenden Weinberg installiert. Die Himmelseiter ins Paradies. Die bestehende Treppe durch den Rebberg hinauf besteht aus 185 Stufen, die alle vom Künstler mit einem blauen Brettchen verkleidet wurden. So zieht sich ein hellblaues Band durch das Grün der Reben und verbindet sich am oberen Ende der Treppe mit dem Blau des Himmels. Der Lauf der 185 blauen Stufen wird von Figuren und Sprüchen aus der Bibel oder aus spirituellen Schriften gesäumt. Oben angekommen, schweift der Blick über das Tal der Thur. 

Die Installation Die Himmelseiter ins Paradiesvon Vincent Fournier ist noch bis Ende 2020 zu sehen. 

Die von mir kuratierten Ausstellungen Catalogue d’oiseau von Elisabeth Strässle und Snow Management von Melanie Manchot im Kunstraum Kreuzlingen gehen am 15. bis 17. Mai 2020 noch einmal für drei Tage auf!

Vincent Fournier: Himmelsleiter zum Paradies,
Kartause Ittingen, Rebberg, bis Ende 2020. Foto Sibylle Omlin

*

Mitte April 2020

Vor einem Monat bin ich von der Riederalp heruntergekommen, weil der Bundesrat den Lockdown angekündigt hatte. Wir waren nochmals im Schnee; die Skilifte und die Beizen gingen von einer Stunde auf die andere zu. Dann ab ins Home office. Nun, der Bundesrat hat diese Woche erste Lockerungen für den COVID19-Lockdown angekündigt. Das Zuhausebleiben erhält so vielleicht bald wieder ein wenig Abwechslungen. Doch die Langsamkeit hat etwas Schönes. 

Nach wie vor kann ich jeden Tag einen kurzen Spaziergang machen und mit dem Nachbar und seinem Hund – 2 Meter Abstand! –  spazieren gehen. Ich kann mich in meinem Minigarten mit Samen und Töpfen austoben und den Steckbohnen beim Wachsen zuschauen. Sogar die Rebe zeigt schon erste Blätter. So bin ich in diesem Monat Gärtnerin und auch Köchin geworden. Ich fotografiere meinen Salat, weil die Zutaten so schön aussehen, und lerne wieder einmal, neue Dinge im Backrohr zu backen.

Kürzlich war ich in Nyon am Festival Vision du Réel und habe mir den Film über Jan Jedlicka, Spuren einer Landschaft/Traces of a Landscape, von Petr Zaruda gesehen. Das war eine gute Stunde mit langsamen Bildern und einer schönen Erzählung von Jan auf Tschechisch. Jans neues Fotobuch 200 m im Steidl ist eine schöne Sehbegegnung mit einem Stück Landschaft in Italien.