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November 2020

Die zweite Welle ist da! Die Staaten und politischen Regionen machen wieder Vorschriften, die Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt, der enge private Kreis wird als zentrales Gebiet des Schutzes und der Erholung vor Covid19 festgezurrt. Die Museen, die Theater, die Musiksäle, die Kinos, die Clubs, die Kunsträume sind davon betroffen, aber auch Veranstaltungen im öffentlichen wie im privaten Raum.

Im Leitungskomitee vom BONE Festival für Performance in Bern (23. Bis 29. November 2020), wo ich mitwirke, werden solche Regeln mitbedacht, um sich für künstlerische Handlungen im öffentlichen Raum zu treffen. Unser Motto: Alles ist schon da. Wir performen damit, sich auf dem Markt, auf Plätzen und Strassen über Inhalte auszutauschen, zu spazieren, sich am Feuer zu wärmen und ein bisschen zu konspirieren. Ich werde versuchen, mit Menschen im öffentlichen Raum, die ich zufällig treffe, über Lebensgeschichte(n) nachzudenken.

Ende Oktober 2020

Am 22. Oktober wird die Ausstellung CHETORI im Le Manoir vor dem geplanten Ende geschlossen. Die Künstler*innen aus dem Iran konnten nicht in die Schweiz reisen. Der Kanton Wallis hat die Schliessung aller Museen, Theater, Kulturräume angeordnet. Wir hatten Schutzkonzepte für Besucher*innen in Kleingruppen bis zu 15 Personen entwickelt. In den Papierkorb damit, wie auch die Hoffnung, dass Kulturvermittlung in diesen Zeiten für viele lebensnotwendig ist. 

Alle sind gefordert: Kulturproduzenten, Kulturbenutzer*Innen. Den Begriff des Kulturkonsumenten – in der kulturpolitischen Diskussion ein wichtiger Begriff für Erfolg und Akzeptanz – ist in Frage gestellt. Die Kleinheit, die Gruppe als Produktionseinheit, ist aber vor dem Hintergrund von Covid19 die beste Massnahme: kein Drängeln, keine Leerheitsgefühle… Das Kleine hat seinen Platz auch in der Community, auch in dem gesellschaftlichen Grossen.

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Mitte August

Lange Zeit hat man keine Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel mehr gesehen. Nun sind ab und zu zwischen den Wolken die Streifen wieder zu sehen. Sommerzeit, Reisezeit, auch angesichts der Pandemie. Auch mich zieht es wieder hinaus, diesmal nach Österreich. Ins Tirol. In Ischgl war einer der Hotspots der Corona-Pandemie. In diesem Ferienort sind offenbar sehr viele Menschen angesteckt worden und haben nach Winterferienende die Krankheit in ihre Länder zurückgebracht. Der österreichische Fotograf Lois Hechenblaikner hat Ischgl seit 2010 jährlich in Streifzügen mit der Kamera erkundet. Die Fotos zeigen uns, wie wir auch sein können. Grausam.

Im März bis Mai war das Tirol komplett unter Quarantäne. Trotzdem haben der Wiener Künstler Christian Stock und ich eine Sommerausstellung geplant für das Turner Tal, wo er herkommt. Er ist in Vorderlanersbach aufgewachsen, sein Vater war Holzbildhauer. Er hat den Laden mit Atelier seines Vaters geerbt. Im Sommer ist der Ort Galerieraum, im Winter befindet sich darin ein Skiverleih. Jedes Jahr macht Christian Stock eine Ausstellung; diesen Sommer hat er mich eingeladen, Aquarelle aus der Schweiz zu zeigen. Ich nehme Arbeiten mit, die in 30 Jahren Arbeit im Kunstbetrieb zusammengekommen sind: Ankäufe, Geschenke von KünstlerInnen, Tausch gegen Texte. Christian Stock steuert neue Aquarelle bei, die in seiner Sommer-Residency in Gmund in Kärnten entstanden sind. Seine Malerei auf Papier ist leuchtend, kräftig in den Farben, aber auch fragil. Die Wasserfarbe kann feine Linien ziehen, sie kann stocken, verdicken. Malerei mit Pigmenten und Wasser auf Papier erlaubt viele Experimente und Versuche. Das Fliessen der Farbe ist der Kern der Malerei. Sei es in einer Baumwollflocke oder an einer Kante in einem Rechteck.

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Zur Zeit macht es mir Freude, in einem sehr kleinen Dorf zu wohnen. Die Gänge durch das Dorf sind kurz. Vom Vieux Village an die Rue du Grenier Brulé, Rue Sainte-Antoine bis Rue de Fontane. Die Namen der Strassen erzählen aus der Geschichte des kleinen Ortes. Die Kernzelle der Gemeinschaftlichkeit ist der Laden und die Dorfbeiz. In unserem 550 Seelen-Dorf ist das kleine Café des Sapins das Zentrum von Austausch und Gemütlichkeit geworden. Mit tollen Wirtsleuten. Es gibt lokale Weine und Essen, und ein wunderbar schmeckendes senegalesisches Menu mit Gemüse, Reis und Erdnussauce! 

Mitte Juli 2020

Wie geht man mit sozialer Distanz im Kunstbetrieb angesichts der Pandemie um?

Die Ausstellungshäuser und Kunsträume öffnen wieder und versuchen, neue Wege zu begehen. Der Aussenraum gewinnt an Bedeutung. Offspaces konzipieren Ausstellungen und Begegnungen in Gärten und hängen Malerei in die Obstbäume und Gemüsegarten, so wie Ende Juni bei der von der Künstlerin Karoline Schreiber und Verlegerin Mirjam Fischer in Zürich konzipierten Gartenshow. Die Führungen sind in kleinen Gruppen und werden oft mehrmals wiederholt am gleichen Abend. Bei den KünstlerInnengesprächen – meist ohne Masken – sitzt das Publikum in grossen Abständen im Raum. 

Und ich bin mit dem Team vom Le Manoir beim Aufbau der Ausstellung CHETORI mit zeitgenössischer Kunst aus dem Iran in der Walliser Stadt Martigny. www.manoir-martigny.ch. Die Eröffnung wird bei schönem Wetter im Garten der alten Villa stattfinden. Im Innern des Manoir besteht eine maximale Gruppengrösse von 25 Personen. 

In Teheran ist rote Zone: Maskenpflicht, Transporte in öffentlichen Verkehrsmitteln sind eingeschränkt. Angesichts von Covid19 – Iran ist eines der stark betroffenen Länder – gab es langandauernde Lock downs und keine Flüge zwischen Iran und Europa. Wir hoffen, dass die Kunstschaffenden im November noch in unser Land einreisen können.

Fariba Farghadani, The Blue House, 2015

Mitte Juni 2020

Die Grenzen zwischen Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz gehen wieder auf. Ich bin Anfang Juni nach Berlin gereist. Mit Maske im Gesicht und Arbeitsbestätigung. Der ICE war nur halb voll und pünktlich! In Berlin habe ich in einem der tollsten Neubauten gewohnt: das LOBE-Terrassenhaus (https://www.lobe.berlin) von Arno Brandlhuber (www.brandlhuber.com), realisiert vom Münchner Architekturbüro Muck Petzet (http://www.muck-petzet.com) im Quartier Gesundbrunnen.

LOBE Brandlhuber.com. Foto: www.anneliwest.de

Das mehrstöckige Haus ist über gestufte Terrassen zu besteigen und ist auf der Seite zur Strasse hin ebenfalls terrassiert, vorkragend über dem Vorplatz des hauseigenen. Der Innenausbau der Ateliers ist meist in rohem Beton gehalten. Der Künstler Hannes Brunner (www.hannesbrunner.com), bei dem ich Gast war – herzlichen Dank Hannes ! – hat noch zwei Wände aus Schichtholz eingebaut und auf seinem Terrassenabschnitt am Boden eine Installation mit Spiegeln und Grünpflanzen gebaut. Ich habe es sehr genossen, durch das halbleere Berlin zu stromern. In den KW ist mir Hassan Sharif (1951-2016, Dubai) in seinen eindringlichen Installationen aus Abfall und Alltagsmaterial begegnet (https://www.kw-berlin.de/hassan-sharif/).

Mit der Tram bin ich in die Galerie Parterre an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Pankow gefahren und habe dort einen geköhlerten Baum von Ulrike Mohr (https://ulrikemohr.de) entdeckt. Die Künstlerin, aufgewachsen im Schwarzwald, köhlert für ihre Kunstwerke, Bäume, Sträucher, aber auch Alltagsmaterial aus Holz wie Messlineale, Kochlöffel, Holzschmuck. Das Köhlern ist ein alte menschliche Kulturtechnik für das Schmieden von Eisen und Edelmetallen sowie die Glasherstellung. Der thermochemische Prozess im Holz, der unter Abwesenheit von Sauerstoff bei Temperaturen von circa 300° Celsius von statten geht, ist keine Verbrennung, sondern ein chemischer Prozess, aus dem neben 30 % Holzkohle Teer und flüchtige Pryrolyseprodukte entstehen. Das Schwarz des Kunstwerks schillert in verschiedenen Farben, von Tiefschwarz über Dunkelgrau, Violet, Grün, Blau bis zu Ocker und Hellgrau. Es muss faszinierend sein, der Künstlerin beim Erarbeiten – Köhlern ! – ihrer Werke für Ausstellungen zuzuschauen!

Ulrike Mohr,  Installation Time in a Tree 2020, Foto GR Berlin © Ulrike Mohr VB Bildkunst

In der Schweiz beginnt das Kunstleben wieder. Schreiben, Führungen, Gespräche mit Kunstschaffenden stehen auf dem Alltagsplan.Und bald eine Wanderung am Stadtbach Bern entlang.

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Mitte Mai 2020

Das Home office lockert sich. Kürzlich hatte ich zum ersten Mal wieder einen kleinen Ausflug gemacht und bin in die Kartause Ittingen nach Warth TG gereist. Die Künstlerkartause hatte einen Gast, den Walliser Künstler Vincent Fournier. Er lebte den Covid19-lock down in seinem kleinen Häuschen, malte und hat ein Kunstwerk in den angrenzenden Weinberg installiert. Die Himmelseiter ins Paradies. Die bestehende Treppe durch den Rebberg hinauf besteht aus 185 Stufen, die alle vom Künstler mit einem blauen Brettchen verkleidet wurden. So zieht sich ein hellblaues Band durch das Grün der Reben und verbindet sich am oberen Ende der Treppe mit dem Blau des Himmels. Der Lauf der 185 blauen Stufen wird von Figuren und Sprüchen aus der Bibel oder aus spirituellen Schriften gesäumt. Oben angekommen, schweift der Blick über das Tal der Thur. 

Die Installation Die Himmelseiter ins Paradiesvon Vincent Fournier ist noch bis Ende 2020 zu sehen. 

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Die von Richard Tisserand und mir kuratierten Ausstellungen Catalogue d’oiseau von Elisabeth Strässle und Snow Management von Melanie Manchot im Kunstraum Kreuzlingen gehen am 15. bis 17. Mai 2020 noch einmal für drei Tage auf!

Vincent Fournier: Himmelsleiter zum Paradies,
Kartause Ittingen, Rebberg, bis Ende 2020. Foto Sibylle Omlin

Mitte April 2020

Vor einem Monat bin ich von der Riederalp heruntergekommen, weil der Bundesrat den Lockdown angekündigt hatte. Wir waren nochmals im Schnee; die Skilifte und die Beizen gingen von einer Stunde auf die andere zu. Dann ab ins Home office. Nun, der Bundesrat hat diese Woche erste Lockerungen für den COVID19-Lockdown angekündigt. Das Zuhausebleiben erhält so vielleicht bald wieder ein wenig Abwechslungen. Doch die Langsamkeit hat etwas Schönes. 

Nach wie vor kann ich jeden Tag einen kurzen Spaziergang machen und mit dem Nachbar und seinem Hund – 2 Meter Abstand! –  spazieren gehen. Ich kann mich in meinem Minigarten mit Samen und Töpfen austoben und den Steckbohnen beim Wachsen zuschauen. Sogar die Rebe zeigt schon erste Blätter. So bin ich in diesem Monat Gärtnerin und auch Köchin geworden. Ich fotografiere meinen Salat, weil die Zutaten so schön aussehen, und lerne wieder einmal, neue Dinge im Backrohr zu backen.

Kürzlich war ich virtuell in Nyon am Festival Vision du Réel und habe mir den Film über Jan Jedlicka, Spuren einer Landschaft/Traces of a Landscape, von Petr Zaruda gesehen. Das war eine gute Stunde mit langsamen Bildern und einer schönen Erzählung von Jan auf Tschechisch. Jans neues Fotobuch 200 m im Steidl ist eine schöne Sehbegegnung mit einem Stück Landschaft in Italien.